From the back Cover
Taiji ist eine Kunst, bei der das Weiche das Harte überwindet, das Ruhige das Aggressive besiegt und das Feine das Grobe übertrifft. Es ist eine Methode, uns in Harmonie mit uns selbst zu bringen, mit jenen Menschen, mit denen wir zu tun haben und mit all den Energien unseres weiteren Umfeldes. Durch die Taiji-Form entwickelt sich innere Kraft, durch die Schiebenden Hände Sensibilität. Äußerlich entspannt zu sein, derweil man innerlich stark ist, gibt einem die Möglichkeit, Druck ohne Konflikt aufzulösen. Durch den Aufbau innerer Harmonie und Kraft, zusammen mit physischer Entspannung und der Philosophie des Nachgebens, kommen wir allmählich an jenen Punkt, wo die Verteidigung des Selbst im täglichen Leben nicht länger irgendeinem Zweck dient.
Inhalt
Was ist Taiji? 7
Die Geschichte des Taiji 11
Taiji heute 15
Die Taiji-Praxis 19
Taiji-Prinzipien 27
Lockerungsübungen 37
37 Bewegungen Kurzform 47
Schiebende Hände 139
Meister Huang's 14 Wichtige Punkte 147
Anhang 151
CH4 - Die Taiji-Praxis
Verständnis.
Das Verständnis wächst, wenn Wissen und persönliche Erfahrung zusammenkommen. Die Prinzipien sind in den Klassischen Schriften des Taiji erklärt, aber ihre Wahrheit muß von jedem selbst erfahren werden. Das Verständnis dieser Prinzipien ist nichts Statisches. Es wird immer subtiler, wenn unsere Taiji-Praxis
fortschreitet. Demut ist eine Folge des Wachsens von wahrem Verständnis.
Fortschritt.
Es dauert 3-4 Jahre, um eine vernünftig ausgewogene Reihe von Formen und Übungen
zu erlernen. Es dauert weitere 3-4 Jahre bis diese Formen und Übungen entspannt
ausgeführt und auf natürliche Weise mit dem Energiefluß im Körper koordiniert
werden. Die Reihenfolge beim Lernprozeß sollte sein: Von groß zu klein und
von außen nach innen. Jeder Prozeß tritt in Zyklen auf, wo Fortschritt Spiralen
erzeugt. Der wiederholte Vorgang des Ausdehnens und Verdichtens verfeinert
die Ideen und Methoden, als ob man Roheisen zu feinstem elastischen Stahl
verarbeitet. Die meisten Zellen des Körpers ersetzen sich innerhalb von 7-8
Jahren. Die Zellen, die sich während des Übens von Taiji bilden, enthalten
die Essenz dieser Übungspraxis, so daß sich am Ende einer 7-8 jährigen Periode
ein vollständig neuer "Taiji-Körper" geformt hat, obwohl er auch
dann noch zu etlichen Verfeinerungen fähig ist. Den Geist zu schulen, dauert
aus ähnlichen Gründen weitere 7 bis 8 Jahre. Dadurch erreicht man die "zweite
Stufe der Veränderung". Tatsächlich bedient man sich auf dieser Stufe
des Geistes, um die unteren Energien zu schulen. Nach ungefähr 14 Jahren
sollte der "Taiji-Geist" oder "Deep Mind" in Erscheinung
treten. Weitere 7-8 Jahre unter idealen Bedingungen erlauben es dem Spirit
allmählich in den "Deep Mind" einzufließen und die "dritte
Stufe der Veränderung" erscheint.
Bemühen.
Das Bemühen sich zu verändern, ruft Widerstand hervor, führt zu Reibung oder
Kampf, was die Hitze oder Energie erzeugt, die notwendig ist, um eine innere
Verfeinerung zu erzielen. Das Beibehalten einer stetigen, flexiblen Absicht,
in Anbetracht dieses Widerstands, gibt der Anstrengung eine Ausrichtung.
Durch eine annehmende Haltung läßt sich mit unveränderbaren Einflüssen der
Vergangenheit besser umgehen. Sie verhindert, daß der Widerstand, der als
Antwort auf die Anstrengung auftaucht, die Energie verbraucht, die durch
den Kampf entsteht. Ein innerer Zustand der Losgelöstheit/des Nicht-Verhaftet-Seins
sorgt für Objektivität und stellt uns, wenn der Lernprozeß einsetzt, außerhalb
dieses Prozesses.
Gesundheit.
Das Üben von Taiji kräftigt die Grundenergie des Körpers. Gesundheit steht
vor allem im Zusammenhang mit dem Zustand des Energieflusses in unserem Körper,
schließt aber auch den Zustand all unserer inneren Organe ein. Taiji stärkt
die inneren Organe, indem es die Zirkulation des Blutes und anderer Körperflüssigkeiten
unterstützt. Das Üben von Taiji kräftigt auch die Muskeln und Knochen. Dies
sorgt für Schutz vor äußerer Verletzung und erlaubt eine größere Effektivität
im täglichen Leben. Manche verwechseln schwach mit weich, folglich gut, und
stark mit hart, also schlecht. Wenn die Guten oft schwach und die Schlechten
manchmal stark sind, so ist das nur ein unglücklicher Umstand des Lebens.
Das Ideal des Taiji ist sowohl weich als auch stark. Im Verlauf des Trainings
können geringfügige Probleme auftreten. Zitternde Beine, schmerzende Muskeln
oder dumpfe Schmerzen in den Fußgelenken und Füßen treten oft auf, wenn sich
der Körper an eine neue Übung anpaßt. Am Anfang kommt es aufgrund der Anstrengung,
den Geist zu konzentrieren, gelegentlich zu Schwindel und leichter Übelkeit.
Knieschmerzen kommen häufig vor, aber durch sorgfältige Beachtung der Ausrichtung
der Knie, verbunden mit einer Massage vor und nach dem Training wird dieses
Problem verringert. Das Überbetonen des kämpferischen Aspekts oder des Wettbewerbsaspekts
führt oft zu körperlichen Schäden. Wenn irgendwelche Schwierigkeiten andauern,
erörtern Sie sie mit ihrem Lehrer oder mit älteren Schülern, die persönliche
Erfahrung mit diesen Übungen haben und die die Ursachen verstehen sollten.
Schmerzen im Körper sind eine Form des Widerstands, die auftreten können,
wenn wir versuchen, uns auf eine neue Weise zu bewegen. Jeder sollte selbst
entscheiden, bis zu welchem Grad er sie ungefährdet annehmen kann. Die Gesundheit
des Körpers ist beim Taiji nur in dem Maße wichtig, wie die Gesundheit des
Gehirns wichtig ist für die Entwicklung des Verstandes.
Drei Ebenen.
Die Taiji-Übung hat 3 Ebenen - den Körper, den menschlichen Geist und den
Spirit (Erde, Mensch und Himmel). Der menschliche Geist - in seinem tiefsten
Aspekt (Deep Mind) - ist für den Trainingsprozeß von zentraler Bedeutung.
Es gibt zwei Verbindungen, die geübt werden - Geist/Körper und Geist/Spirit.
Der Geist und der Körper sind durch die unteren Energien verbunden, die drei
Aspekte haben - ätherisch, emotional und mental. Das Üben der Geist/Körper-Verbindung
besteht aus zwei Komponenten - Bewegung verbunden mit awareness (Körper aktiv,
Geist passiv) und das Anleiten der Bewegung durch den Geist (Geist aktiv,
Körper passiv). Wir werden mit funktionierenden Körpern geboren, die uns
ein gewisses Maß an awareness zur Verfügung stellen, aber mit wenig Kontrolle über
unsere Bewegung, unsere Gefühle oder unser Denken. Unser Leben zwingt uns
in diesen Bereichen zu einer gewissen Entwicklung, aber das Potential eines
jeden Menschen liegt weit jenseits dessen, was er gewöhnlich erreicht. Taiji
ist darauf angelegt, beides zu entwickeln, die aktiven und passiven Bestandteile
der Geist/Körper-Verbindung, unter ausgewogener Berücksichtigung der 3 Aspekte
der unteren Energien. Der Geist und der Spirit sind durch die höheren Energien
verbunden. Das Üben der Geist/Spirit-Verbindung hat auch 2 Komponenten -
eine tiefe Form von awareness (Deep Mind aktiv) und eine Reaktion innerhalb
des Deep Mind auf die feine Anweisung des Spirit (Deep Mind passiv). Das
Trainieren der Geist/Spirit-Verbindung bekommt natürlicherweise seine Wichtigkeit,
wenn sich das Training der Geist/Körper-Verbindung seiner Vollendung nähert.
Der Beweggrund.
Es gibt drei Gründe, um zu üben - erstens, um uns selbst zu helfen; zweitens,
um mit anderen in Kontakt zu sein, die auch üben wollen; drittens, um etwas
zur Quelle der Lehre beizutragen. Annehmen, teilen und geben unterstützen
sich gegenseitig. Alle drei haben viele Ebenen. Die Leute wählen ihren eigenen Übungslevel,
entsprechend ihrer inneren Beweggründe, obwohl Beweggründe - bewußt und unbewußt
- gewöhnlich vermischt sind. Der Level oder die Qualität wird erstens bestimmt
durch die Absicht, dann durch die Gefühle, die dahinter stehen und zuletzt
durch die Übungsfertigkeit oder Geschicklichkeit mit der es durchgeführt
wird.
Ego.
Das Trainieren des Körpers erzeugt Veränderung, aber mit jeder Veränderung
entsteht die Notwendigkeit nach psychologischer Integration. Die Reaktion
des Ego auf Erfolg oder zeitweiligen Mißerfolg beeinflußt den Lernprozeß.
Es können Konflikte auftreten zwischen den unrealistischen Erwartungen, die
von den Vorstellungen, die wir von uns selbst haben, stammen und der beginnenden
Erkenntnis dessen, wo wir stehen und was getan werden muß. Das Ego ist eine
Hülle, eine Fassade, um unser zerbrechliches Innenleben vor der äußeren Welt
zu schützen. Auf einer oberflächlichen Ebene verhindert es, daß die anderen
um uns herum sehen, wer wir wirklich sind. Auf einer tieferen und schädlicheren
Ebene blockiert es unseren Kontakt mit unserem Deep Mind. Leichter Druck
von seiten des Lehrers, der Lehre und des Schülers selbst, bewirken zusammen
das Durchbrechen des Widerstands und der Konflikte und vermehren die innere
Freiheit des Schülers. Stark verfestigte und nach außen hin natürlich scheinende
Fassaden sind oft am härtesten zu erschüttern.
Tiefe Veränderungen.
In Zeiten des Übens können gute Wirkungen erfahren werden hinsichtlich der
Lockerheit des Körpers, zunehmender awareness, größeren Energieflusses und
hinsichtlich des Geistesfriedens. Solche kurzfristigen Ergebnisse entstehen
leicht, wenn wir üben und verschwinden leicht, wenn wir nicht üben. Sie heilen
das Schwache und bringen das Unausgewogene ins Gleichgewicht. Tiefe Veränderungen
brauchen Zeit, um zu reifen. Sie verlangen ein andauerndes Bemühen über einen
langen Zeitraum. Sie beeinflussen unser Wesen und verändern, wer wir (bislang)
sind. Üblicherweise bemühen sich die Leute eine zeitlang intensiv und hören
dann auf, weil die Ergebnisse nicht sofort sichtbar sind. Die innere Entwicklung
ist eingetreten, aber noch nicht an die Oberfläche gekommen. Tiefe Veränderungen
gehen nicht leicht verloren und wenn sie ausgeprägt genug sind, nehmen sie
eine feste Form an und werden dauerhaft.
Die Übungsumgebung.
Die äußere Umgebung ist von eingeschränkter Bedeutung. Spezielle Schuhe,
eine hübsche Uniform, ein schöner Raum oder ein stiller Park mit Bäumen und
Gras können angenehm sein. Doch angenehm oder unangenehm, der Einfluß ist
so oder so unbedeutend, wenn der Übende einmal anfängt, innerlich zu reifen
und sich von der Abhängigkeit von äußeren Bedingungen zu lösen beginnt. Obwohl
sich die Energie an einem Ort ansammeln kann, wenn dieser immer wieder als Übungsplatz
benutzt wird, ist dies die unterste Ebene, auf der die Umgebung wichtig zu
werden beginnt. Wenngleich hilfreich, mag es auch Abhängigkeit von äußeren
Bedingungen hervorrufen. In einem umfassenderen Sinn ist die Lebenssituation,
in die wir uns selbst stellen, unsere Umgebung. Diese ist vielleicht zu 90%
durch unsere früheren Handlungen bestimmt und zu 10% durch unsere gegenwärtigen.
Eine gute Lebenssituation mag nicht viel zur inneren Entwicklung beitragen,
aber eine schlechte kann sie beeinträchtigen, indem sie die physische, emotionale
und mentale Energie schwächt und zerstreut. Das Energiefeld der Gruppe ist
der wichtigste Aspekt der Übungsbedingungen. Jeder liefert durch die Qualität
und Quantität der Bemühung seinen Beitrag zu diesem Energiefeld, wobei auch
jeder Anregungen während des Übens erhält.
Welcher Lehrer?
Ein Lehrer ist nicht mehr als ein Schüler, der sich in einem späteren Stadium der Entwicklung befindet, als die Schüler, die er unterrichtet. Lehrer drücken ihr persönliches Verständnis der Taiji-Prinzipien aus, sie variieren ihre Unterweisung von Zeit zu Zeit, um sie den Umständen und den Menschen, mit denen sie es zu tun haben, anzupassen. Jeder Schüler versteht das, was gelehrt wird, in der ihm eigenen, besonderen Weise. Wenn ein Schüler 10 Jahre von einem guten Lehrer gelernt hat, wird er verstehen, was dieser Lehrer auszudrücken versucht, obwohl es mindestens noch einmal dieser Zeitspanne bedürfen wird, um es zu seinem Eigenen zu machen. Halte zuerst nach einem Lehrer Ausschau, der in der Vergangenheit wenigstens über die genannte Zeitdauer Erfahrung in seinem Übungssystem gesammelt hat, oder finde einen Ausbilder, der noch nach den Anweisungen eines solchen Lehrers lehrt. Dann beachte den Stammbaum beziehungsweise die Qualität des Taiji, das er gelehrt wurde und berücksichtige den Charakter des Lehrers oder seine Fähigkeit, seine Erfahrung genau auszudrücken. Zuletzt ziehe in Betracht, wie freizügig der Lehrer sein Wissen mitteilt. Das Endresultat dieser Faktoren wird in der Qualität der Schüler sichtbar, die der Lehrer um sich versammelt hat, und in der Atmosphäre, die in den Klassen herrscht. Letztendlich ist die Quelle des Taiji höher als jeder Lehrer. Taiji kann nicht verkauft und nicht gekauft werden. Lehrer verwahren es treuhänderisch für jene, die, infolge ihrer Anstrengungen, in der Lage sind, es zu empfangen.
Alles Geld, das dem Lehrer gezahlt wird, erhält er für die Zeit und den Aufwand, den er hat. Es gibt so etwas wie eine natürliche Intelligenz, die das Lernen von Taiji unterstützt. Diese ist wichtiger als jeder Lehrer. Wenn dein Verständnis
wächst, übe, wovon du glaubst, daß es wahr ist und du wirst Taiji gegenüber loyal sein. Dann wirst du auch jedem Lehrer gegenüber loyal sein, der mit dieser natürlichen Intelligenz in Harmonie ist.